Ein Orgasmus auf Umwegen

2011
08.05

oder: Auf den Scheiterhaufen mit Mutter Natur!

Welch erhabenes Gefühl, zumindest einen Teil seiner Abschlussprüfungen hinter sich zu haben! Meine Mitschwestern und ich begießen den begrüßenswerten Umstand mit dem ein oder anderen russischen Starkbier. Wie allgemein üblich bleibt eine Horde angehend alkoholisierter Frauen in den Zwanzigern bei einem derartigen Unterfangen nicht lange allein. Aus allen Himmelsrichtungen und angelockt von der Wolke aus ausgelassener Stimmung und Östrogen gesellen sich mehr und mehr Männchen zu uns – bekannte wie unbekannte. Sogar der Hetero taucht aufeinmal auf und auch Luke schaut vorbei, bevor er mit ein paar Kolleginnen in den Nachbarladen zum Karaoke verschwindet. Gerade als der Hetero mir von seinen neuesten Geschäftsvorhaben berichtet und ich vor Schreck fast mein Baltika aspiriere, weil er allen ernstes eine Bar gekauft hat, stürmt Luke auf mich zu und fragt aufgeregt: „Kleines, erinnerst Du Dich an die sexy Glatze von der ich Dir erzählt habe?“ Ich krame in meinem alkoholvernebelten Kurzzeitgedächtnis. „Die aus dem Corner, vom CSD?“ „Nein!“ entgegnet er energisch „Die aus dem Museum. Die Hetero-Glatze.“ Langsam dämmert es. Luke war vor ein paar Wochen mit vorrangig homosexuellen Kollegen zum Karaoke dort und quatschte einen wohl unverschämt heißen Typ an, der sich zu Lukes Verdruss als heterosexuell heraus stellte. Dennoch verbrachten die beiden nach Verlust ihrer jeweiligen Begleiter den Rest des Abends gemeinsam und taten das, was Männer – egal welcher sexuellen Orientierung sie unterliegen – in einer Bar eben tun: trinken.

„Ja…ich denke schon…“ sage ich vorsichtig. „Der ist da und will Dich kennenlernen! Beweg’ Deinen Arsch!“ „Was?!“ Das blanke Entsetzen steht in meinen Augen. „Ich hab ihm doch letztes Mal schon von meiner sexy Mitbewohnerin erzählt. Beweg Deinen Arsch da rüber – sofort!“ Lukes Imperativ war mit über zwei Promille noch beeindruckender. „Aber ich bin doch mit den Mädels hier…“ versuche ich überrumpelt von soviel Kuppel-Enthusiasmus Zeit zu schinden, um mich zu entscheiden, ob ich mir die Blöße gebe, mich an diesem Tag gegebenenfalls noch abservieren zu lassen. „Die kommen mit!“ beschließt er. „Mädchen! Auf auf! Karaoke!“ ruft er in die gackernde Runde. Tatsächlich finden wir uns keine zehn Minuten später zu Alanis Morisettes „Ironic“ laut grölend in der spärlich beleuchteten Rock-Kneipe wieder. Ich sondiere kurz den Raum und gehe zur Theke, um meinen angenehm angeschickerten Grundzustand nicht zu verlieren. Mit zwei Drecksack in der Hand wieder bei Luke angekommen, sehe ich ihm tief in die Augen: „Das ist aber nicht der sexy Kerl – Typ Stathams älterer Bruder – im weißen Shirt schräg hinter mir, oder?“ Luke grinst breit übers ganze Gesicht. Der Kerl war circa eins fünfundachtzig groß, Frisur: inzwischen knappe drei Millimeter, Drei-Tage-Bart, Figur: Amateur-Schwimmer, Lächeln: blend-a-med-Reklame, Hintern: Jeans-Model – kurz: arrrrr… „Vergiss es.“ winke ich ab, nachdem ich meine Chancen kurz durchkalkulierte. „Ach, papperlapapp.“ übergeht Luke meine Bedenken und schiebt mich zu dem sexy Typ. „Das ist Björn.“ deutet er stolz auf seine Beute. „Nabend Björn. Uschi.“ Ich reiche ihm meine Hand. Er zieht mich daran näher an sich heran. Meine Wange berührt seine. Er riecht unanständig gut. „Wie war das?“ fragt er höflich nach. „Uschi.“ „Hi Uschi. Freut mich.“ Er lächelt zum Niederknien und nie wieder aufstehen. „Was trinkst du?“ Er hat meine Hand noch nicht losgelassen. „Kölsch.“ antworte ich lächelnd. Björn verschwindet Richtung Theke. Luke stellt sich ganz nah an mich ran und berichtet verschwörerisch und in erstaunlichem Tempo: „Als Du reinkamst meinte er zu mir: Das ist aber nicht die kleine Blonde da, oder? Ich meinte: Doch. Er: Das ist ja genau mein Kaliber.“ Luke hüpft kurz hoch und klatscht in die Hände. Ha! Da war sie wieder – die Tunte! Ich grinse in mich hinein. „Kaliber?“ frage ich leicht angewidert nach. „Mein Gott, er ist halt hetero, Kleines. Ran jetzt!“

Der Jeans-Model-Hintern kommt mit zwei Kölsch-Cola zurück. Immer noch etwas überwältigt von soviel unerwarteter Attraktivität gestaltet sich meine Konversation nicht so eloquent wie gewohnt, dennoch scheint er sich nicht zu langweilen. Plötzlich reißt mich Lena von ihm weg und zerrt mich zu den anderen Mädels, die zu meinem Schrecken doch wirklich ein Mikro in der Hand halten und hilflos versuchen irgendein Spice Girls - Medley zu performen. Hinter mir höre ich Luke auf Björn einreden, er solle gefälligst mal hinne machen, woraufhin Björn ihm erklärt, er mache halt langsam. „Ach – das ist das Problem mit Euch Heteros! Deshalb geht ihr auch ständig ungebumst nach Hause!“ pampt Luke ihm entgegen und stimmt beim Refrain von „Wannabe“ begeistert ein. Nach unserer – qualitativ bedenklichen aber auf jeden Fall Aufsehen erregenden – Darbietung kämpfe ich mich mit zwei frischen Kölsch zurück zu Björn. An dem ist Lukes feurige Ansprache offenbar nicht spurlos vorbeigegangen, denn statt höflich das Bier entgegen zu nehmen und brav anzustoßen, entreißt er mir beide Gläser, stellt sie irgendwo ab, grinst mich kurz an, legt seine Hand in meinen Nacken und küsst mich ausgiebig. Und da hatte ich doch eigentlich den Verdacht er sei bloß höflich und sucht nach ein paar gewechselten Floskeln das Weite. Oh verdammt! In just diesem Moment fällt mir ein, weshalb ich heute nicht auf Flirt gefasst war, an schier unüberwindbaren Selbstzweifeln leide und deswegen auch keine anständige Unterhaltung mit einem sexy fremden Mann zustande kriege: ich menstruiere ja noch!

Er presst mich so nah an sich, wie es im Rahmen der Öffentlichkeit möglich ist. Mein Gott! Wann wurde ich das letzte Mal so verdammt gut geküsst?! Nach unbestimmter Zeit lassen wir vorsichtig voneinander ab. „Wow!“ entfährt es ihm. „Das hatte ich jetzt nicht erwartet.“ Er hält sich unauffällig an einem der Stehtische fest. „Das nehme ich ob meiner ausgelassenen Stimmung heute mal als Kompliment.“ entgegne ich lächelnd. Ha! Meine Schlagfertigkeit meldet sich zurück! Irgendwann kehrt uns der bullige Barbesitzer nach draußen, die letzten Schwestern sind schon lange weg und auch Luke war irgendwann zwischen dem elften und fünfzehnten Martini verschwunden.

Björn hat die Arme um meine Taille gelegt und blitzt mich mit seinen großen braunen Augen vieldeutig an: „Und was machen wir jetzt?“ Seine Frage holt mich aus den Höhen des Knutsch-Rauschs auf den Boden der blutigen Tatsachen. Ich seufze und erkläre ihm: „Unter normalen Umständen würde ich Dich jetzt unter fadenscheinigen Gründen in mein Schlafzimmer locken und dort weitermachen wo wir eben aufgehört haben, aber leider bin ich … verhindert.“ Er schaut mich fragend an. „Ich kann nicht.“ versuche ich ihm ohne die konkreten Worte aussprechen zu müssen, die Situation zu erläutern. Es dauert noch drei bis sechs Sekunden bis ihm ein Licht aufgeht: „Ah…“ Ich bin ihm dankbar, dass er nicht noch ein „Du hast Deine Tage!“ hinzufügt, sondern es bei einem charmanten Lächeln belässt.

„Na, dann bring ich Dich aber zumindest noch nach Hause.“ „Das ist wirklich nicht notwendig, sind ja nur hundert Meter.“ sage ich und deute die Straße hinunter. „Na dann ist es ja auch kein großer Umweg.“ sagt er und bedeutet mir, vorzugehen. Am Hauseingang angekommen presst er mich gegen die Wand, seine Küsse rauben mir fast den Atem. Wir beginnen zu fummeln wie zwei Teenager, die schon vor drei Stunden hätten zu Hause sein müssen, aber einfach nicht voneinander los kommen. Es fühlt sich großartig an. Im doppelten Sinne – denn was sich da gegen mein Becken drückt, lässt wirklich große Erwartungen aufkeimen. Ich verfluche Gott oder die Natur oder wer auch immer zur Hölle dafür verantwortlich ist, dass ich dieses gutaussehende, leidenschaftliche Überraschungspaket heute nicht mehr auspacken werde. Und während ich noch innerlich über die Ungerechtigkeit des Lebens zetere, macht sich plötzlich dieses wohlbekannte Kribbeln in meinem Unterleib breit und bevor ich begreifen kann, wie er das zu Stande gebracht hat, lasse ich meinen Kopf schon stöhnend an die Wand hinter mir fallen. Ich öffne die Augen. Seine Hand liegt immer noch in meinem Schritt. Er grinst. Ich räuspere mich: „Also das hatte ich jetzt nicht erwartet.“ Er lacht und küsst mich.

Und dann tue ich etwas, das ich noch nie getan hatte – ich frage ihn nach seiner Nummer.